Über Medienkompetenz …

Kabel - cc-by-nc-sa von Tom LangstonDie Schlagzeilen sind alarmierend. Unsere Jugendlichen feiern unkalkulierbare Facebook-Partys mit teuren Polizeieinsätzen und lassen sich dann besoffen fotografieren, was ihnen bei Bewerbungen Nachteile einbringt. Wie immer wird das neue Internet von der christlichen konservativen Mehrheit als teuflische Bedrohung für unsere Jugend wahrgenommen. Die haben Zugriff auf Pornografie, Gewaltspiele und andere jugendgefährdende Inhalte über das Internet.

Zu viel surfen macht genauso wie zu viel fernsehen dumm. So lauten die gängigen Vorurteile, die von der Bundesregierung noch unterstützt werden. So wird das Internet von der Politik zum einen als Brutstätte für Terrorismus und Kriminalität bezeichnet und zum anderen als rechtsfreier Raum. Doch wie nutzt unsere Jugend das Internet wirklich und sind es nicht eher die Kommunikations- und Deutungsmöglichkeiten vorbei an den etablierten Massenmedien, die der Regierung Angst machen?

Unsere Jugend muss geschützt werden – der Jugendschutz

Stoppschild Internet JugendschutzNiemand wird ernsthaft bezweifeln wollen, dass unsere Kinder besondere Aufmerksamkeit und Schutz bedürfen, doch wie dieser Schutz dann konkret aussehen soll kann in hitzige Diskussionen ausarten. Unsere damalige Familienministerin von der Leyen war der Meinung, dass man unsere Kinder mit einem Stopp-Schild im Internet vor jugendgefährdenden Inhalten schützen muss. Nach der Wahl kam raus, dass alles nur ein Wahlkampfmanöver war. Man hatte halt mit dem Jugendschutz Wähler beeindrucken wollen und das Gesetz mit den Stopp-Schildern kam nie zum Einsatz. Frau von der Leyen wurde Arbeitsministerin und der Jugendschutz war plötzlich wieder allen egal.

Dass die ganze Aktion gescheitert ist lag daran, dass u.a. medienkompetente Jugendliche dagegen protestiert haben.

Stellt sich natürlich die Frage, ob unsere Jugend nicht mehr als eine Symbolpolitik verdient hat. Die Problematik liegt in den einfachen Lösungen, die die Politik gerne bevorzugt.. Wenn man einen Filter installieren könnte, der einfach alles schlechte im Internet sperrt, dann wäre unsere Jugend vor schädlichen Einflüssen geschützt. Nur so eine Software gibt es nicht und wird es niemals geben. Entweder sperrt sie zu viel nämlich auch Seiten die sich mit Aufklärung beschäftigen oder zu wenig und wird damit unwirksam. Abgesehen davon wird es immer Wege geben die Sperre zu umgehen.

Wenn man sich eingehender mit dem Jugendschutz beschäftigt könnte man auf die Idee kommen, dass es sinnvoller wäre mehr in Bildung und Perspektiven für die Jugend zu investieren. Dies wäre aber keine einfache Lösung und teuer noch dazu.

So ist man merkwürdiger Weise wieder genau vor der Bundestagswahl dabei, über den Jugendschutz rumzudiskutieren. Mal sehen ob es wieder für ein Wahlkampfthema taugt. Schließlich kann man die Kritiker so einfach mit dem Spruch: „Aber es geht doch um unsere Kinder!“, mundtot machen.

Was sind die Gefahren einer Zensurinfrastruktur für die Demokratie?

Nicht alles gehört in Kinderhände. Nur leider ist es so, dass das was für Kinder nicht gut ist für Erwachsene dann häufig auch nicht mehr zugänglich ist. So ist es praktisch unmöglich Computerspiele ohne Altersfreigabe in Deutschland zu kaufen, obwohl sie nicht verboten sind. Selbst wenn man sich solche Spiele im Ausland besorgt, kann man sie in Deutschland nicht spielen, weil über die IP-Adresse festgestellt wird, wo man sich aufhält. Es ist juristisch noch nicht geklärt ob der Anbieter nicht bei jedem Spielaufruf das Alter des Spielers überprüfen muss, weil er möglicherweise ein ungeeignetes Spiel einem Jugendlichen zugänglich macht. Da die Anbieter kein rechtliches Risiko eingehen wollen sperren sie also lieber den Zugang ganz für Deutschland.
Filtersoftware wird in Schulen und Bibliotheken eingesetzt. Doch wo ist der Knopf um diese Filter für Lehrer und Erwachsene wieder auszuschalten? Zu Hause wären dann die Eltern für die richtige Konfiguration der Filter zuständig, die dann aus Bequemlichkeit und mangelnden Sachverstand einfach die Grundkonfiguration nutzen. So muss dann möglicherweise auch der volljährige Sohn, der noch zu Hause wohnt unter dem Filter leiden.

Stoppt Acta Demonstration in HamburgLeider versucht die Politik solche Filter immer wieder über die Hintertür zum Zwang zu machen. Der letzte dieser Versuche war ACTA. Dort sollten die Provider verpflichtet werden ihre Netzwerke auf illegale Inhalte zu prüfen. Was macht so ein Provider also im Zweifelsfall? Natürlich wird er keine aufwendige teure Prüfung machen sondern einfach alles verdächtige sperren. So bekommen wir ein reingewaschenes Internet und die Freiheit bleibt auf der Strecke.

Doch allen voran medienkompetente Jugendliche haben die Einführung von ACTA verhindert. Dies ist erstaunlich, da die Massenmedien als Nutznießer von ACTA kaum darüber berichtet haben. Der Medienindustrie sind mutmaßliche Urheberrechtsverletzungen schon lange an Dorn im Auge. Die Jugendlichen haben über soziale Netzwerke Informationen zum Thema ACTA ausgetauscht, bei YouTube Protestfilme veröffentlicht und mehrere Demonstrationen veranstaltet. So blieb ACTA letztendlich auf der Strecke, doch die Politik versucht es weiter.

Muss man Medienkompetenz erlernen?

Es gibt Eigenschaften die stecken in unseren Genen. Man nimmt an, dass Spielen genetisch bedingt ist, da die Kinder von anderen Säugetieren auch spielen. Das Spielen könnte also ein wichtiger Prozess sein beim Älterwerden. Leider spielen unsere Kinder Aufgrund des verkürzten Turbo-Abitur immer weniger.

Wie kann man jetzt aber wissenschaftlich begründen, ob Medienkompetenz erlernt werden muss? Dazu wurde am Institut für Medienforschung an der technischen Universität Chemnitz ein interessanter Versuch durchgeführt. Man hat einen Raum in einer Pappschachtel exakt nachgebaut. Dann zeigt man Kindern den Raum und die Schachtel. Jetzt wurde entweder in der Schachtel oder im Raum ein Spielzeug versteckt. Den Kindern wurde dann gezeigt wo das Spielzeug in der Schachtel versteckt wurde und sie sollten es dann an der selben Stelle im echten Raum finden. Kinder ab 4 Jahren waren dazu sicher in der Lage. Jüngere Kinder hatten damit Schwierigkeiten, weil ihr Gehirn noch nicht erkennen konnte, dass der Raum und die Schachtel das Selbe abbilden. Dann änderte man mit neuen Kindern unter 4 Jahren den Versuch. Diesmal konstruierte man eine Fantasiemaschine, die angeblich den Raum schrumpfen konnte. Dies wurde den Kindern glaubwürdig erzählt. Das Spielzeug wurde versteckt und in einem anderen Raum kam dann der geschrumpfte Raum aus der Maschine. Da die Kinder glaubten es wäre der selbe Raum musste ihr Gehirn nicht mehr mit zwei Räumen klarkommen und sie fanden das Spielzeug.

Wer benötigt Medienkompetenz?

Das Schlimmste was wir unsere Jugend antun könnten, wäre wenn wir sie zwingen sich immer gesellschaftskonform zu verhalten. Jugendliche müssen ihre Grenzen austesten und sie im gewissen Rahmen auch mal überschreiten können. Das ist ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess mit dem sie ihren Platz in der Gesellschaft finden. Selbst wenn man alles Schlechte im Internet wirkungsvoll verbieten könnte, würden sie immer noch auf dem Schulhof Erwachsenen-Filme und Gewaltspiele austauschen können. So etwas kann man nicht verhindern oder wenn man es könnte wäre dies nicht ihm Rahmen einer freiheitlich demokratischen Grundordnung möglich.

Insofern benötigt allen voran unsere Bundesregierung mehr Medienkompetenz. Einige Politiker wissen nicht einmal was ein Browser ist und viele werden von der Jugend als Internetausdrucker bezeichnet. Unsere Politik muss lernen, dass das Internet viel mehr ist als ein angeblich rechtsfreier Raum. Natürlich kann das Internet wie das Fernsehen dumme Menschen dümmer machen aber auch Schlaue schlauer. Liegt es nicht vielmehr dran ob man eine Perspektive innerhalb der Gesellschaft hat, wie man die Medien nutzt. Wenn unsere Gesellschaft Sozialhilfeempfänger ausgrenzt und sie dies auch spüren lässt, dann müssen wir uns auch nicht wundern.

Natürlich ist es nicht gut wenn man zu viel Privatsphäre im Internet öffentlich zur Schau stellt. Nur wer hat nicht einmal als Jugendlicher etwas gemacht auf das er nicht stolz ist? Personalchefs die deswegen aufwendige Recherchen in Suchmaschinen starten um belastendes Material über die Bewerber zu finden müssen sich fragen welche Art von Menschen sie wollen. Wollen sie Mitarbeiter, die ganz normal sind oder welche die wissen wie sie ihre Spuren verwischen, um besser dazustehen als sie sind?

Wer so kleinkariert ist, dass er jemanden wegen einem peinlichen Foto in der Jugend nicht einstellt, für den will man wahrscheinlich gar nicht arbeiten. Man sollte dabei nicht übersehen, dass unsere Bundeskanzlerin in ihrer Jugend als FDJ-Mitglied einmal Loblieder auf die Partei gesungen hat und unser Ex-Außenminister Fischer in seiner Jugend mal Steine auf Polizeiautos geworfen hat. Weil aber unsere Gesellschaft fähig ist Menschen eine zweite Chance einzuräumen, konnten diese beiden trotz ihrer Jugendsünden noch Karriere machen.

Wenn die Jugend von heute, die schon von klein auf mit dem Internet aufgewachsen ist erst mal so alt ist, dass sie die jetzigen Bedenkenträger in den Führungspositionen abgelöst hat, dann wird man sicherlich die Möglichkeiten des Internets ganz anders einschätzen und besser nutzen.

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