Wir leben in einer gefilterten Informationsgesellschaft – schon immer!

Information Highway - cc-by-nc-sa von Nick WheelerEli Pariser hat den Begriff “Filter Bubble” auf deutsch Filterblase definiert. Gemeint ist damit ein gefilterter Informationsbereich im Internet, da wir nicht in der Lage sind alle Informationen zu beachten und zu verarbeiten. Algorithmen sortieren uns die Suchergebnisse und wählen aus welche Aktivitäten sie uns in sozialen Netzwerken anzeigen. Dies geht hin bis zur Zensur, wenn man beispielsweise nach Ägypten sucht aber nicht angezeigt bekommt, dass gerade eine Revolution in Ägypten stattfindet.

Sicherlich sind diese Algorithmen praktisch aber auch gefährlich. Wir wissen nicht nach welchen Kriterien sie die gefilterten Informationen auswählen oder welche absichtlich wegzensiert wurden. Sie können dazu führen, dass die Realität nur verzerrt wahrgenommen wird. Wer in den Suchergebnissen und sozialen Netzwerken nur seine Vorurteile bestätigt sieht und keine kritischen Beiträge angezeigt bekommt, fühlt sich dann noch mehr bestätigt.

Was Algorithmen aus dem Internet herausfiltern kann die Realität leicht verzerren.

Doch was ist wichtig, was ist die Wahrheit? Liegt sie nicht wie die Schönheit nur im Auge des Betrachters. Sicherlich wäre alles nicht so problematisch wenn die Filter nicht so praktisch wären und somit kaum wahrgenommen werden. Viele sind sich der Mechanismen wie der Informationsfluss im Internet funktioniert wahrscheinlich gar nicht bewusst. Hat Google vielleicht schon die Macht, über die Auswahl der Nachrichten im Suchergebnis Regierungen zu stürzen? Die Revolutionen im arabischen Raum (vom Westen “Arabischer Frühling” genannt) wurden unter anderem auf das Internet zurückgeführt. Julian Assange behauptet, dass Wikileaks dazu beigetragen hat. Die damals betroffenen Regierungen haben versucht das Internet abzuschalten und zu zensieren, weil sie es als Gefahr wahrgenommen haben.

Alle Informationen stehen bereit doch niemand der sie gerecht verteilt!

Ist dieses Filter-Problem wirklich etwas Neues? Schon vor dem digitalen Zeitalter gab es Filter. Der Bild-Zeitungs-Leser beispielsweise nimmt die Welt über die Schlagzeilen von Seite eins und den Sportteil war. Nun kann man einwenden, dass wenn auch verkürzt auf Seite zwei noch viele weitere Nachrichten stehen und er zumindest die Chance hat, sich etwas besser zu informieren. Schlimmer würde es doch jemanden ergehen, der immer nur nach Nachrichten über “Lady Gaga” sucht und irgendwann nur noch Konzerte, Starallüren und Fanberichte seines Stars angezeigt bekommt. Doch auch so etwas gibt es in der Offline-Welt, wenn man in der Jugend nur die Bravo und später die Bunte liest. Silvana Koch Mehrin wurde einmal in der Bunten vorgestellt. In dem Artikel ging es aber mehr darum wie die schöne Europaabgeordnete die schönsten Plätze in Brüssel zeigte. So kann man sich durchaus über Politik unterhalten mit Leuten in der von der Bunten gefilterten Welt, wenn man den Schwerpunkt in ihrer Realität beachtet.

Schafft das Internet wirklich neue Probleme oder verstärkt es sie nur?

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben. Unsere Geschichtsbücher sind nur eine große Filterblase in der die Kriegsverbrechen der Sieger heruntergespielt werden und die Verlierer als grausam und verachtenswert dargestellt werden. So lernen unsere Kinder in der Schule, dass die Menschen in Amerika sich gegen die Unterdrückung durch die englische Krone auflehnten und eine Demokratie gründeten. Der spätere Völkermord eben dieser Demokratie an den Indianern wird nicht behandelt. Die Kreuzzüge werden im Geschichtsunterricht behandelt, die zahlreichen Kriegsverbrechen der Kreuzritter und wie vor den Kreuzzügen die Religionen gleichberechtigt in Jerusalem praktiziert wurden bleibt unerwähnt. Erschwerend kommt hinzu, dass Historiker gerne von anderen Historikern abschreiben, anstatt die Originalquellen zu studieren. Dadurch wird dann nach und nach eine gefilterte Geschichte erschaffen und durch viele vermeintlich unabhängige Quellen erscheint sie glaubhaft.
Dieses Phänomen kennen wir nur zu gut aus dem Internet, wo alle aus den Leitmedien zitieren und abschreiben. So verbreiten sich Unwahrheiten trotzdem glaubhaft über die ganze Welt. Das eigentliche Problem ist, wofür die Geschichtsfälscher noch Jahrhunderte gebraucht haben, geht über das Internet in Sekundenschnelle. Längst sind wir so unkritisch geworden in der täglichen Informationsüberflutung, dass wir den Medien blind vertrauen. Mehrere unabhängige Quellen zu prüfen, ist anstrengend und zeitaufwendig.

Informationen zu filtern, bedeutet große Macht.

Die wohl älteste und größte Sammlung zensierter und gefilterter Texte außerhalb des Internets ist die Bibel. Niemand außerhalb des Vatikans weiß genau, welche Informationen er alles in seiner Bibliothek verborgen hält. Wir können nur erahnen was in der Filterblase der Bibel nicht enthalten ist.
Schon früh erkannte die Kirche welche große Macht der gefilterte Einsatz von Informationen bedeutetet. Sie sammelte das Wissen der Welt in den Klosterbibliotheken und kopierte es. Ausgewählten Personen gewährte sie Zugriff und unliebsame Informationen blieben unter Verschluss. Obwohl es im antiken Rom fließend Wasser für die Haushalte und eine Kanalisation gab brauchte die Menschheit fast 2000 Jahre, um diesen Stand wieder zu erreichen. Ebenso war das Wissen über Differential- und Integralrechnung sowie Demokratie schon im alten Griechenland bekannt. Alles dieses Wissen wurde aber erfolgreich von der Kirche herausgefiltert und machte dadurch das lange dunkle Mittelalter überhaupt erst möglich. Dadurch hatte die Kirche lange Zeit die Macht die Realität umzudefinieren; heute hätte diese Macht gerne die US-Regierung.

Fazit

Was in der Offline-Welt funktioniert kann man im Internet perfektionieren. Das Internet selbst ist kein Teufelswerkzeug kann aber als solches verwendet werden. Unkritische gutgläubige Menschen kann man leicht täuschen. Somit ist das Internet der weg zur Freiheit und Wissen sowie Kontroll- und Zensurwerkzeug gleichermassen. Ein Unrechtsregime beginnt immer damit Rechte und bestimmte Nachrichten zu verschweigen. Über das Internet können wir unabhängige Quellen überprüfen aber auch unsere Vorurteile bestätigt sehen. Die Gefahr für die Macht besteht darin, dass die herkömmlichen Medien noch begrenzt und leicht kontrollierbar waren. Deswegen versuchen sie alles, um auch das Internet unter Kontrolle zu bringen. ACTA war beispielsweise ein Versuch und sie versuchen es wieder. Andererseits kann die vermeintliche Freiheit im Internet über geeignete Filter- oder Zensurmaßnahmen zur Unterdrückung missbraucht werden.

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