re:publica 2010 Zusammenfassung Tag 1

Rund um den Friedrichspalast, wo die re:publica 2010 eröffnet wurde, kam mir Berlin wie eine Baustelle vor. Da ich sehr früh da war, bekam ich schnell meine Eintrittskarte, die ein Papierklebeband war. Dieses muss ich jetzt 3 Tage lang tragen, damit ich rein komme. Hoffentlich löst es sich beim Duschen nicht auf :(
In einer kurzen Rede eröffneten Tanja Haeusler, Marcus Beckedahl, Andreas Gebhard und Jonny Haeusler die re:publica. Wobei Jonny den Teilnehmern dankte, dass viele schon ihr Ticket gekauft hatten bevor der erste Programmpunkt feststand für die Vorschusslorbeeren. Dann sagte er den Satz: “Das WLAN steht!” – dem war aber leider nicht so :(
Es gab zwar ein WLan, doch war es unmöglich da eine stabile Verbindung zu bekommen. Deswegen zogen viele ihre UMTS-Sticks und als Folge war aus das Mobilnetz kaum erreichbar. Die Twitterwalls standen teilweise still wärend der Vorträge. Ein Armutszeugnis für eine Messe, die das Hauptthema Microblogging hat. Also alles wie letztes Jahr und man hat immer noch keinen gefragt, der sich mit WLan auskennt oder einen Mobilfunkprovider als Sponsor aufgetan. Einer der Sponsoren war IBM, sodass viele mit Lotus-Taschen herumliegen, die dort verteilt wurden.

Es gibt 265 Vortragende aus 30 Nationen von 4 Kontinenten auf der re:publica 2010, wobei Australien fehlt.

Der erste Vortrag handelte vom achten Kontinent, dem Netz. Peter Glaser beschrieb die erste soziale Zusammenkunft am Feuer und am Ende der Entwicklung stand der Computer. Der achte Kontinent (das Netz) wird besiedelt, weil es sonst keine weißen Flecken mehr gibt. Viele wollen im Netz gar nichts mehr finden, sondern nur noch Suchen, was er als Google-Syndrom bezeichnet. Doch wer in Deutschland statt den Notarzt zu rufen, bei Google sucht ist einfach nur dämlich. In Amerika hingegen, wo viele keine Krankenversicherung haben, verspricht es medizinische Hilfe. Früher fraß der Große den Kleinen und heute der Schnelle den Langsamen. Bei den Geräten der Zukunft wird der Ausschaltknopf wahrscheinlich weg optimiert, da heute schon bei vielen die Belastung zu hoch ist ihr Handy abzuschalten aus Angst sie könnten was verpassen.
Insgesamt ein sehr zutreffende Schilderung über die Vergangenheit und Zukunft des Netzes.

Dann kam Evgeny Morozov drann mit dem Thema „A Twitter revolution without revolutionaies?”. Bei ihm habe ich zum ersten mal gemerkt wie schwer es ist einem Nerd auf englisch zu folgen, weil er zu schnell und ohne Punkt und Komma sprach. Es ging darum das Zeitungen anfingen Schlagzeilen zu twittern bis hin zum Iran wo über Twitter Proteste organisiert wurden. Das wir weniger als 1% von dem wissen, was wir wissen müssten. Autoritäre Systeme hassen keine Information, sondern sie nutzen sie für Propaganda. Dann stellte er Punkte vor wie man vorgehen sollte um Informationen über Gräueltaten zu verbreiten.
Revolution ist dabei nicht, einen Wikipedia Artikel zu ändern.

Weiter ging es mit „Staatlichkeit und Internet”. Ralf Bendrath und Andreas Schmidt meinten dann, dass sie sich für den Vortrag einen Tag vorher Gedanken gemacht hätten und die dritte Vortragende Stefanie Sifft gleich weggelassen hätten, weil ihr Arbeitgeber sie nicht weglassen wollte. Im ersten Teil haben sie durchaus interessante Fragen aufgeworfen, dann wurde es aber zunehmend konfuser. Es ging darum, dass Google mit dem Rückzug aus China, zum ersten Mal ein Unternehmen einen Staat herausgefordert hat. Wikileaks hat auch versucht in Island Gesetze durchzudrücken. Man hat dann Staaten und Unternehmen und ihre Macht verglichen, wobei Macht so definiert wurde, dass derjenige mächtiger ist, der leichter auf den anderen verzichten kann. Doch kann Google auf die USA verzichten und sollte Deutschland Facebook sperren wegen Datenschutzverletzungen? Da während des Vortrags Google scharf kritisiert wurde, kam der Einwand, dass Google doch die re:publica sponsern würde. Woraufhin man meinte: “Aber nicht dieses Panel!“

Es folgte die „Feministische Netzkultur 2.0″ wobei die Vortragenden aber nur ihr Arbeitsumfeld vorstellten und sich einig waren, dass inzwischen mehr über feministische Themen diskutiert und berichtet wird.

Im Vortrag „What’s next” ging es um das soziale Gehirn. Diskussionen über das Internet sind meistens unproduktiv, weil es eine Eigendynamik hat. Es wurde eine Studie über Poweruser vorgestellt, wobei diese nach der Auswertung in 2 Gruppen eingeteilt wurden die beide 50% waren. Die eine Gruppe, die Digital Visitors haben nur Freunde in der echten Welt, fanden das Web 1.0 besser und Web 2.0 einen Rückschritt. Sie lehnen virtuelle Demokratie ab. Die andere Gruppe, die Digital Residents sind mit der Identität vollständig ins Netz eingezogen und mögen Twitter und Flashmobs als demokratische Ausdrucksweise. Bei diesen Gruppen kommt es jetzt regelmäßig zu Spannungen und Missverständnissen. Deswegen rät Peter Kruse nicht mit Experten zu sprechen, sondern sich mit sozialen Netzwerken zu unterhalten. Und ist man nicht willig, so braucht man Geduld.

In „Augmented Reality” führte Marc Rene Gardeya einen eintönigen, wenig mitreißenden Vortrag über Filme und Bilder, die man mit GPS anderen in Echtzeit zur Verfügung stellt. Also genau das, was Microsoft mit der Suchmaschine Bing vorhat.

Frank Rieger vom CCC stellte seine Vision von der Rettung des Planeten vor im Vortrag „Saving the Planet vs. privacy”, wo er die These aufstellte, dass intelligente Stromzähler und GPS im Auto wichtiger sind um Ressourcen zu schonen, als die Gefahr dadurch überwacht zu werden. Mit einer Maut für Autos, die über GPS gesteuert wird, kann man seiner Meinung nach wirkungsvoll verhindern, dass zu viel gefahren wird.

Im Vortrag „Upgrading Political Journalism” wünscht sich Lorenz Meyer ein besseres System um den politischen Inseljournalismus auszuwerten. Dabei möchte er einen besseren Überblick und erkennen können, was gelesen wird und was die Leser für richtig halten. Für Kulturjournalismus bieten die Perlentaucher so etwas an.

Weiter ging es mit „Freedom of expression in the net”, wobei eine arabische Bloggerin und ein chinesische Blogger teilweise sehr emotional die Zustände in ihren Ländern beschrieben. So gibt es kaum eine Chance über Sex, Religion oder Politik zu bloggen. Wer es doch tut wird inhaftiert. Firmen zensieren sich selber um die Politik nicht zu verärgern. Teilweise werden Blogger wegen den Kommentaren in ihren Blogs verhaftet. Das Problem an China ist, dass man einem kleinen Land helfen könnte, aber ein großes Land wie China muss sich selber helfen, den richtigen Weg zu finden, wie man mit Zensur richtig umgeht.

Dann kam ich endlich einmal ins WLan, sodass der gute Vortrag „Das Internet ist dezentral und andere gefährliche Mythen“ von Sebastian Deterding im Microblog nachgelsen werden kann: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13

Bei „Die Freiheit über den Wolken“ von Karsten Gerloff von der Free Software Fondation (nachzulesen unter dem Tag #füdw) ging es darum, dass er sich wünscht es würde eine dezentrale Wolke mit freier Software aufgebaut. Im Vortrag kritisierte er teilweise Google für seine Überwachung und Monopolstellung und stellte freie Software vor, die Google ersetzen kann. Andererseits hat Google eine große Macht, da sie eine sehr hohe Anzahl an Servern haben. Diese laufen unter Linux, da Google es sich nicht leisten könnte für alle Microsoft-Lizenzen zu kaufen. Insofern hat freie Software Google groß gemacht. Im Anschließenden Gespräch mit einem Google Mitarbeiter zeigte er sich aber versöhnlicher und meinte, dass es nicht darum ginge Google platt zu machen und der Druck durch freie Software Google eher besser machen würde, weil sie sich mehr anstrengen müssten.

Sascha Lobo beschrieb dann im Vortrag „How to survive a shit storm“, wie er als Vodafone Nutte bezeichnet wurde, weil er für ein freies Netz eintrat und Vodafone, für die er Werbung machte, die Vorratsdatenspeicherung umsetzte. Er zeigte die Loblone: Will was zu sagen haben! Außerdem wurde er mal zum acht schlechtesten angezogenen Mann gewählt. Wie man mit all den Beleidigungen umgeht und gelassen darauf reagiert ist schon eine Kunst. Außerdem wurde er mal von Trollen belästigt, die Nachts an seiner Haustür klingelten. Er fotografierte diese und fand heraus, dass einer von ihnen mal als Direktkandidat bei der Bundestagswahl angetreten ist. Ein anderer Troll hat in seinen Artikeln ständig mit sich selbst diskutiert.

Zum Schluss gab es die Twitterlesung. Hier ein paar gute Tweets daraus:

Was berichtete die Mainstreampresse?
TAZ: Kein Sendeschluss mehr
Stern: Kirchentag für die Internetgemeinde
Zeit: Zweifel als Motor des Fortschritts
Heise: re:publica: Globale Regeln fürs Netz umstritten
Focus: Blogger-Konferenz Re:Publica: Die Revolution wird nicht getwittert
Bild: Hier treffen sich die Blogger der Welt

Webprominenz, die ich während der Vorträge als Zuhörer gesehen habe:
Julia Seeliger
Jörg Tauss
Aaron Koenig aus dem Bundesvorstand der Piratenpartei, der im Netz teilweise umstritten ist.
Den elektrische Reporter

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